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Allergie – Einzelschicksal oder Volkskrankheit
Allergie – Einzelschicksal oder Volkskrankheit?
Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe
Von der Kuhmilch-, Pollen-, Duftstoff-, Metall-, Medikamenten- bis zur „Sonnenallergie“: Alles die gleiche Suppe oder eher getrennte Töpfe?
In der Bevölkerung purzeln die Begriffe häufig durcheinander, in den Medien leider auch: Eine Allergie bezeichnet eine Überempfindlichkeit, die auf einer Immunreaktion beruht. Bei erblich bedingter Allergieneigung (ca. 30-40% in der Bevölkerung) – der Arzt spricht von Atopie – können bereits früh bei 2-4% der Kinder Nahrungsmittelallergien und/oder bei 5-10% der Kinder ein atopisches Ekzem (=Neurodermitis) auftreten. Im weiteren Verlauf des „atopischen Marsches“ entwickeln sich häufig allergischer Schnupfen (15-20% der Bevölkerung) und/oder allergisches Asthma (ca. 3-5% der Bevölkerung) auf harmlose Umweltstoffe, die atopischen Außenluft- und Innenraumallergene: Proteine von Pollen, Schimmelpilzsporen, Hausstaubmilben und Tierbestandteilen.
Verwirrende Zahlen zu Allergiebereitschaft (=Atopie)
und manifester Allergie in den Medien:
Wie häufig sind Allergien z.B. auf Nahrungsmittel nun wirklich?
Die elementare Unterscheidung zwischen allergischer Sensibilisierung (=erhöhte Allergiebereitschaft) und relevanter Allergie (mit korrespondierenden Symptomen) findet häufig nicht statt. Dadurch variieren die Zahlen in den Medien und stiften oft Verwirrung.
Immerhin glauben 20% der Bevölkerung, an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu leiden. Systematische Untersuchungen konnten nur bei einem Zehntel (d.h. 2%) die Diagnose bestätigen. Im Erwachsenenalter sind Nahrungsmittelallergien gegen stabile Proteine (enthalten in Kuhmilch, Hühnerei, Fisch, Meeresfrüchten, Erdnuss, Baumnüssen u.a.) mit 1-2% in der Bevölkerung eher selten. Allerdings können sie schwere allergische Reaktionen bis zum lebensbedrohlichen allergischen Schock (=Anaphylaxie) an Haut, Schleimhaut, Atemwegen, Magen- und Darmtrakt verursachen.
Bei birkenpollenassoziierter Nahrungsmittelallergie (ca. 3-5% der Bevölkerung) bleiben die Beschwerden nach Genuss von Kern- und Steinobst, Nüssen oder Gemüse (Karotten, Sellerie, Soja) häufig auf die Mundhöhle und Rachenraum beschränkt. Verantwortlich sind eng verwandte Pflanzen-Stressproteine die durch Erhitzen oder Magenverdauung oft ihre Allergeneigenschaften verlieren
Weltweite Zunahme der Allergien durch “westlichen Lebensstil”?
Atopiebereitschaft und zugehörige allergische Erkrankungen wie allergischer Schnupfen, allergisches Asthma und wahrscheinlich auch Nahrungsmittelallergien haben in den letzten Jahrzehnten weltweit zugenommen. Da die Erbanlagen konstant geblieben sind, werden als Ursachen des Anstiegs Umwelt- und Lebensstilfaktoren diskutiert. Die Hygiene-Hypothese untersucht den Lebensstil in Abhängigkeit von der “Keimbelastung” der Umwelt: Das heranreifende Immunsystem wird in den ersten Lebensjahren durch die Auseinandersetzung mit Mikroben geprägt. Eine hohe Belastung, z.B. in Bauernhöfen, durch keimbelastete Nahrung oder unhygienische Lebensbedingungen, bedeutet offenbar geringeres Allergierisiko und weniger allergische Erkrankungen durch natürliche immunologische Toleranz gegenüber den eigentlich „harmlosen“ atopischen Allergenen.
Möglicherweise sind die zunehmenden Allergien der Preis für unseren “modernen Lebensstil” mit verbesserter Hygiene. So erklären sich einige Beobachtungen: Weniger Allergien auf dem Land als in der Stadt; weniger Allergien in Groß- als in Kleinfamilien; weniger Allergien in Schwellenländern als in postindustriellen Regionen. Unklar bleibt, ob sich damit auch die seit langem bekannte Assoziation zwischen Sozialstatus und Atopiehäufigkeit begründen lässt.
Allergien zwischen Modekrankheit und Lebensgefahr: Gezielte Diagnostik hilft.
Die meisten Allergietypen können durch gezielte Tests untersucht werden. An der Haut durchgeführt oder mit Hilfe einer Blutentnahme lässt sich eine erhöhte Allergiebereitschaft aufdecken. Eine “echte” Allergie besteht nur bei korrespondierenden Symptomen. Im Zweifelsfall hilft ein Provokationstest mit den vermuteten Allergenen weiter, z.B. an den Bindehäuten, der Nase, den Bronchien oder oral bei vermuteter Nahrungsmittelallergie.
Allergiebetroffene zwischen Desinformation und fehlender Beratung:
Warum das Schicksal bei Allergie so unterschiedlich ausfällt.
Offenbar vermuten mehr Menschen eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, als wirklich betroffen sind. Hier ist eine rationale Diagnostik, häufig zum Ausschluss einer Allergie mit gesicherten Methoden, gefragt. Leider werden sowohl durch unkritische Beiträge in Print- und Funkmedien, als auch im Internet verbreitete Falschinformationen Erwartungen geschürt, die wenig mit der Realität zu tun haben, und unseriöse Angebote gemacht.
Auf der anderen Seite sind ein kleiner Teil der echten Nahrungsmittelallergiker durch potentiell lebensbedrohliche Reaktionen nach Aufnahme kleinster Mengen ernstlich gefährdet. Eine gezielte Diagnostik und kompetente allergologische Beratung wird über wichtige Fragen entscheiden: Provokation zur Diagnosesicherung? Konsequente Nahrungsmittelkarenz erforderlich? Zusätzliche Diätberatung? Notfallplan und -therapie?
Die allergologischen Gesellschaften und Verbände wie die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (http://www.dgaki.de/), der Ärzteverband Deutscher Allergologen (http://www.aeda.de/) und Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (http://www.gpaev.de/) bieten zahlreiche Informationen, bilden fort (http://www.allergie-kongress.de/) und aktualisieren kontinuierlich Leitlinien zum Thema Allergie, besonders zum Dauerbrenner Nahrungsmittelallergie (www.allergie-experten.de unter Aktuelles; www.dgaki.de/Positionspapiere/positionspapiere.html).
Die über das Europarecht verbesserte Deklarationspflicht potentieller Auslöser von Nahrungsmittelreaktionen in verpackten Lebensmitteln (www.foodallergens.info/industry/labelling.html) reicht zum Schutz der Betroffenen alleine häufig nicht aus. Seriöse und kompetente Beratung durch allergologisch geschultes Personal ist hier gefragt. Patientenorganisationen wie der Deutsche Allergie- und Asthmabund e.V. mit ihrem modernen Informations- und Beratungsangebot auf wissenschaftlicher Grundlage kommt an diesem Punkt eine herausragende Bedeutung zu (www.daab.de).
Quelle & Kontakt:
Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe
Allergie- und Asthma-Zentrum Westend
Spandauer Damm 130, Haus 9, D-14050 Berlin
Tel: 030-30202910; Fax: 030-30202920
Email: kleine-tebbe@allergie-experten.de












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